01.12.2017 von

Harter Brexit: 7,9 Milliarden GBP Einbruch bei EU-Exporten für britische Automobilindustrie?

Ein harter Brexit könnte die britischen Automobil-, Technologie-, Gesundheits- und Konsumgütersektoren fast 17 Milliarden Pfund pro Jahr kosten. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der globalen Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Der Report “The realities of trade after Brexit“ untersucht diese vier Industrien, die 42% des britischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im verarbeitenden Gewerbe und 45% der hergestellten Exportgüter in die EU ausmachen.

Die zentrale Frage der Studie, die die Kanzlei zusammen mit Oxford Economics erstellte, lautet: Inwieweit könnten Kostensteigerungen für Exporte aus dem Vereinigten Königreich dazu führen, dass EU-Verbraucher auf eine im Inland hergestellte Alternative oder ein anderes Exportland umsteigen?

Der Bericht zeigt auch, welche Exportländer außerhalb der EU die besten Voraussetzungen bieten, um potenzielle Verluste auszugleichen, die aus dem Weggang des Binnenmarkts resultieren.

Die Folgen eines „harten Brexit“ werden den Automobilsektor am stärksten tangieren, mit einem prognostizierten Verlust von 7,9 Milliarden Britische Pfund (GBP) pro Jahr an EU-Exporteinnahmen.

Ulrich Ellinghaus, Leiter der globalen Automotive-Praxis von Baker McKenzie, sagt:

„Die britische Automobilindustrie ist stark in die europäischen Wertschöpfungsketten eingebunden, wird aber die Auswirkungen des Brexit deutlich stärker spüren als ihre EU-Pendants. Ohne Großbritannien als Handelspartner könnten die EU-Exporte der Automobilbranche weltweit um 4,3% zurückgehen, bereinigt um einen verstärkten grenzüberschreitenden Handel der EU-Länder untereinander sind dies jedoch überschaubare 0,8%. Im Gegensatz dazu verliert der britische Automobilsektor durch die verringerten Exporte in die EU jedoch mehr als 22% seiner Exporteinnahmen.“

Tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse kosten jährlich 3,8 Milliarden Pfund

Die Studie hebt hervor, dass sich die Kosten für tarifäre und nichttarifäre Hindernisse eines harten Brexit für die Automobil-, Verbraucher-, Technologie- und Gesundheitsbranchen auf jährlich 3,8 Mrd. GBP belaufen könnten. Die Kosten für nichttarifäre Hemmnisse, einschließlich neuer Formalitäten und administrativer Anforderungen, können in einigen Sektoren die finanziellen Auswirkungen neuer Zölle nicht nur erreichen, sondern diese sogar übertreffen.

Von den vier Sektoren dürfte die Automobilindustrie am stärksten betroffen sein, da die Kosten für tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse jährlich um weitere 2,1 Mrd. GBP steigen werden. Das zeigt die folgende Grafik:

Trotz der offensichtlichen Auswirkungen der nichttarifären Handelshemmnisse spiegeln die Modellannahmen nicht einmal das vollständige Bild wider. Auf die Unternehmen könnten weitere Kosten zukommen, wenn sie mit abweichenden technischen Standards und anderen Vorschriften klarkommen müssen.

Das Risiko einer Unternehmensverlagerung

Zusätzlich zu den Auswirkungen auf die Exporterlöse besteht ein erhebliches Risiko, dass Unternehmen, die im Automobilsektor tätig sind, ihren Firmensitz verlagern werden.

Viele der im Bericht modellierten Wirtschaftszweige stehen im Eigentum außereuropäischer Unternehmen. Soweit sich diese in Großbritannien niedergelassen haben, um sich Zugang zum EU-Binnenmarkt zu verschaffen, könnte sie der Wegfall des EU-Marktzugangs veranlassen, in ein EU-Land umzusiedeln.

Nikolaus Reinhuber, Global Chair Industrials, Manufacturing and Transport von Baker McKenzie, sagt:

„Über die Hälfte des Automobilsektors ist im Besitz von Nicht-EU-Unternehmen. Hinzu kommt, dass den Unternehmen zusätzliche Kosten durch tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse drohen, die in den Branchen Automotive, Gesundheitswesen, Verbraucher und Technologie jährlich 3,8 Milliarden Euro betragen könnten. Umsiedlungen sind daher eine klare Alternative.“

Unternehmen werden ihren Sitz nur vor Ort halten können, wenn die Regierung des Vereinigten Königreichs bereit ist, der Industrie Anreize zu setzen, vor allem, um neue Zölle auszugleichen. Auf kurze Sicht sind diese Anreize jedoch zumindest mit den Vorschriften zum europäischen Beihilferecht in Einklang zu bringen.

Die Produktionsexporte des Vereinigten Königreichs müssten in fünf Schlüsselmärkten um 60% erhöht werden, um die EU-Exporteinbußen im Fall eines “harten Brexit“ ausgleichen zu können.

Die Studie  untersucht auch die nach dem Brexit bestehenden Handelsmöglichkeiten mit Nicht-EU-Ländern in unterschiedlichen Industriezweigen. Sie basieren auf der Größe der weltweiten Importe in diesen Märkten – aktuell und im kommenden Jahrzehnt. Es zeigt sich, dass die USA für diese Bereiche die größten Chancen bieten und in jedem der einzelnen Industriezweige rund die Hälfte des gesamten Marktes ausmachen. China stellt inzwischen die zweitgrößte Option dar mit einem vergleichsweise hohen Variationsanteil zwischen den verbleibenden Bereichen.

In diesen Ländern und Industriezweigen betrug der Importanteil des Vereinigten Königreichs im Jahr 2016 2,1%. Um die Exportverluste im Zusammenhang mit dem Brexit ausgleichen zu können, müsste der Importanteil möglicherweise um mehr als 60% steigen. Vor allem die Verbrauchsgüterbranche könnte stärker betroffen sein als die anderen Bereiche, um den Verlust des EU-Handels auszugleichen. Exporte in Märkte dieser Länder müssten um bis zu 150% steigen.

Inlandsmärkte können jedoch auch ein wichtiger Faktor sein, um die Auswirkungen fallender Exporte abzufedern

„Das Vereinigte Königreich ist mit dem Brexit in einer schwierigen Lage. Unsere Daten zeigen, dass dieser  Staat einen sehr langwierigen Verhandlungsprozess über Freihandelsabkommen mit weiteren Drittländern beginnen muss, um plötzliche Einbußen im Fall des Brexit ohne EU-Abkommen abfedern zu können. Das geht jedoch nicht, solange die Briten in der EU sind und die Sicherheit einer EU-Übergangszeit haben. Dies ist eine echte Zwickmühle, und die Regierung des Vereinigen Königreichs wird schwierige Entscheidungen treffen müssen“, schließt Samantha Mobley, Leiterin der Praxis für EU, Competition and Trade in London.

Zusätzlich zu diesen Bedenken erklärt Baker McKenzie, dass das Kartellrecht zu zusätzlicher Unsicherheit führen wird. „Das Kartellrecht ist ein Kernbereich, über den die Automobilunternehmen derzeit besorgt sind“, sagt Dr. Nicolas Kredel, Kartellrechts-Partner und Spezialist für die Automobilindustrie.

„Wird das Vereinigte Königreich trotz der EU Enforcement-Aktivitäten nationale Verfahren gegen Erstausrüster (Original Equipment Manufacturer, OEMs) und Zulieferer eröffnen? Wie sehr wird die Entscheidungspraxis des Vereinigten Königreichs der Entscheidungspraxis der EU folgen, zum Beispiel im Hinblick auf Exportbeschränkungen für EU-Händler? Ein harter Brexit würde Unternehmen mit diesen Fragen alleine lassen – auf beiden Seiten des Kanals.“

Methodik

Oxford Economics verwendete das GTAP-Modell (Global Trade Analysis Project), das die Benchmark-Datenbank und das Modell für die Analyse der internationalen Handelspolitik darstellt. Das GTAP bietet einen konsistenten Rahmen, um die Folgen von Veränderungen in der internationalen Handelspolitik verständlich zu machen. Das Modell simuliert, inwieweit Steigerungen der Importkosten dazu führen können, dass Verbraucher zu einer im Inland hergestellten Alternative oder zu einem anderen Exportland wechseln. Es erfasst auch daraus resultierende Änderungen in der Arbeits- und Kapitalallokation.

Für die Zwecke dieser Studie basiert das Modell auf einem „harten Brexit“-Szenario, bei dem das Vereinigte Königreich die EU-Zollunion verlässt und die bilateralen Zölle für den gesamten Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU auf WTO-Meistbegünstigungsebene liegen. Das könnte ein Worst-Case-Szenario sein, das das Vereinigte Königreich vermeiden will.

Die Studie konzentrierte sich auf vier Sektoren, die für das verarbeitende Gewerbe in Großbritannien von zentraler Bedeutung sind: die Automobil-, Technologie-, Gesundheits- und Konsumgüterindustrie. Wir betrachten zum Vergleich auch die Telekommunikationsbranche.

 

Hier können Sie die gesamte Studie herunterladen.

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